- Joined
- 21.11.2019
- Messages
- 6.796
- Reaction score
- 124.440
- Points
- 11
- Age
- 55
- Location
- Орёл
- 💎VM
- 436.821,50
- Neues Land
- 🌐Единия
- Enneatyp
- 5 5 (?)
- Geschlecht
- Männlich
- Ashram-Einwohner
- Ja
Autor der Erzählung: Sergej Veretennikov.
Pawel kehrte wie immer nach Hause zurück.
Wie Tausende Männer nach Tausenden gleicher Tage nach Hause zurückkehren.
Der Aufzug ruckelte leicht an den Stockwerken vorbei, im Treppenhaus roch es nach Staub, fremden Abendessen und etwas schwer Fassbarem, Altem, als wäre das Haus selbst längst müde von menschlichen Schritten, Stimmen und Erwartungen.
Der Schlüssel drehte sich vertraut im Schloss. Die Tür öffnete sich. Ihn empfing die gewöhnliche Stille der Wohnung, in der alles stets an seinem Platz stand, als hätte das Leben selbst diese schlichte Ordnung längst gelernt und wollte nichts mehr daran ändern.
Hinter der Wand stritten die Nachbarn wieder. Dumpf, gereizt, als würden sie einander keine Worte, sondern ihre letzten Kräfte entgegenschleudern. Oben spielte ein Mädchen Geige. Sie konnte den Ton noch nicht gleichmäßig halten, und deshalb zitterte die Melodie ständig, riss ab und sammelte sich wieder, wie der Versuch eines Kükens, zum ersten Mal in den Himmel zu fliegen …
Ein gewöhnlicher Abend. Ein gewöhnliches Haus. Ein gewöhnliches Viertel, in dem die Fenster der Hochhäuser eines nach dem anderen aufleuchteten wie Hunderte kleiner Zellen, in denen die Menschen ihre Müdigkeit, Gewohnheiten, Wasserkocher, Hausschuhe, Verletzungen, Fernseher und seltenen Augenblicke der Zärtlichkeit aufbewahrten.
Pawel zog seine Jacke aus.
Er stellte die Schuhe auf die Matte.
Er ging in die Küche und schenkte sich Wasser ein.
Er blieb eine Weile am Fenster stehen.
Im Hof rauchte jemand am Hauseingang. Jemand führte einen Hund aus. In einem Fenster flackerte das blaue Licht eines Fernsehers. In einem anderen goss eine Frau Blumen. Alles war so vertraut, dass es beinahe nicht existierte. Wenn sich die Welt zu lange wiederholt, wird sie nicht mehr wahrgenommen.
Pawel setzte sich in den Sessel.
In genau diesen Sessel, der im Laufe der Jahre bereits die Form seines Körpers angenommen hatte, als wäre auch er ein Teil seines Schicksals geworden.
Er setzte die Kopfhörer auf.
Drückte den Knopf …
Und zunächst geschah nichts Ungewöhnliches.
Nur ein Klang.
Leise. Tief. Beinahe unsichtbar.
Er war keine Melodie im gewöhnlichen Sinne. Eher der Atem von etwas sehr Großem. Als würde irgendwo weit entfernt, jenseits des Hörbaren, der Raum selbst atmen. Und dieser Atem drang langsam, sehr langsam, in ihn ein.
Pawel schloss die Augen.
Hinter der Wand stritten die Nachbarn noch immer.
Oben zitterte noch immer die Geige.
Irgendwo unten fiel die Tür des Hauseingangs ins Schloss …
Doch all das entfernte sich, als würde jemand die Geräusche der Welt eines nach dem anderen forttragen, wie man die Lichter in einem langen Korridor löscht.
Er schlief nicht ein.
Nein.
Es war keinem Traum ähnlich.
Vielmehr begann er, nicht nach unten, sondern zugleich in alle Richtungen einzutauchen.
In die Tiefe.
Und in die Weite.
Als hätte sich in ihm plötzlich ein Raum geöffnet, der schon immer da gewesen, aber stumm geblieben war. Als stünde hinter dem vertrauten Menschen, der zur Arbeit fuhr, Rechnungen bezahlte, die Nachbarn grüßte und Brot kaufte, ein anderer – riesig, uralt, namenlos. Einer, der auf sein Kommen gewartet hatte. Wie ein uralter Wächter. Wie ein ewiger Freund. Wie sein zweites Ich …
Zuerst sah er Sterne.
Nicht als Punkte an einem schwarzen Himmel.
Sondern als lebendige Feuer des Seins.
Sie wurden im Abgrund geboren, trieben in großer Stille, sammelten Welten um sich, erloschen, zerfielen und entflammten an anderen Orten der Ewigkeit erneut. Zwischen ihnen flossen Ströme aus Licht.
Die Spiralen der Galaxien entfalteten sich langsam wie Blumen, die nicht in der Erde, sondern im Geheimnis wuchsen. Die Nebel glichen dem Atem Gottes, wenn Atem eine Farbe haben könnte.
Dann sah er Zeitalter.
Sie folgten nicht eines auf das andere wie Seiten eines Buches. Sie waren alle zugleich. Als wäre die Zeit kein Weg, sondern ein Ozean und jedes Zeitalter nur eine einzelne Welle auf seiner Oberfläche. Er sah Städte, die es noch nicht gab. Er sah Tempel, von denen nicht einmal Staub übrig geblieben war. Er sah Menschen, deren Namen vergessen waren, und Menschen, die erst noch geboren werden mussten. Er sah Kriege, Gebete, Küsse, die Geburt von Kindern, Scheiterhaufen, Entdeckungen, Verrat, Erleuchtungen, Lieder am Feuer, Raumschiffe, uralte Wüsten, eisige Welten, Wälder anderer Planeten, Wesen, die keine Menschen waren und dennoch mit derselben Frage zum Himmel blickten.
Wer bin ich?
Diese Frage erklang nicht in Worten.
Sie war ein Ruf der Seele …
Pawel sah die Erde.
Zuerst als Lichtkugel in einer grenzenlosen Nacht.
Dann noch weiter entfernt.
Noch weiter.
Bis sie zu einem kaum wahrnehmbaren blauen Punkt wurde.
Dann verschwand sie vollständig.
Und da sah er sich selbst.
Nicht Pawel im Sessel.
Nicht den Mann aus der Wohnung im fünften Stock des Hauses an der Straße.
Sondern ein winziges Staubkorn des Bewusstseins in der Grenzenlosigkeit, so klein, dass allein der Gedanke an die eigene Bedeutung lächerlich erschien. Alles, was er für sein Eigenes hielt: Sorgen, Biografie, Name, Ängste, Pläne, Müdigkeit – all das war kleiner als ein Sandkorn, verloren im Wind zwischen den Welten.
Nur für einen Augenblick erschreckte ihn die grenzenlose Freiheit!
Und zugleich seine Bedeutungslosigkeit in dieser Unendlichkeit.
Doch schon bald vertraute er der Kraft, die nicht zu sehen war.
Die aber bei ihm war.
Als hätte ein Tropfen plötzlich verstanden, dass sich in ihm der Ozean spiegelte.
Als hätte ein Funke sich daran erinnert, dass sein Wesen Feuer ist.
Er sah, dass alles miteinander verbunden war.
Nicht metaphorisch.
Sondern buchstäblich.
Zwischen seinem Herzen und einem fernen Stern bestand ein Faden.
Zwischen der Träne eines Menschen in einem anderen Land und der Geburt einer neuen Galaxie bestand eine unsichtbare Verbindung.
Zwischen dem Mädchen mit der Geige oben, dem Streit der Nachbarn hinter der Wand, seinen müden Händen, kosmischem Staub, uralten Priestern, zukünftigen Welten, dem Schweigen schwarzer Räume und dem Gedanken, der gerade in ihm entstand – überall verliefen Fäden. Unsichtbar, leuchtend, lebendig.
- Wer bin ich?
Wieder dachte er.
- Gott?
- Der Kosmos?
- Eine Höhere Intelligenz?
Die Antworten kamen und lösten sich sogleich wieder auf.
Er war zu klein, um sich Gott zu nennen.
Und zu unendlich, um einfach nur Pawel zu sein.
Er war nicht der gesamte Kosmos, doch der Kosmos war in ihm.
Er war nicht die Höhere Intelligenz, doch der Geist, der die Sterne erschaffen hatte, blickte auf geheimnisvolle Weise durch seine Augen auf die Welt.
Er war eine Welle – doch in der Welle lag die ganze Natur des Meeres.
Er war eine Note – doch in ihr erklang die gesamte Symphonie.
Er war ein Punkt – doch in diesem Punkt verbarg sich die Grenzenlosigkeit.
Und je beharrlicher er zu antworten versuchte, desto klarer wurde: Die wahre Antwort kann nicht ausgesprochen werden. Worte sind dafür zu eng. Sie eignen sich für Wohnungen, Zeitpläne, Verträge und Erklärungen, aber nicht für jenen Abgrund, in dem die Seele sich plötzlich selbst findet.
Er hatte sich verirrt.
Aber nicht so, wie man sich im Wald oder in einer fremden Stadt verirrt.
Er hatte sich in der Erhabenheit verirrt.
Im Licht.
In der Unmöglichkeit, sich von allem zu trennen.
Und vielleicht war genau das der erste wirkliche Anfang seiner Antwort.
Wenn alles Bekannte verschwindet, beginnt die Wahrheit hervorzutreten.
Wenn du nicht mehr sagen kannst: „Ich bin nur das“, dann erscheint die Möglichkeit zu erkennen, was du wirklich bist.
Die Musik spielte weiter.
Und Pawel kam es vor, als flöge er durch Schichten der Wirklichkeit wie durch durchsichtige Schleier. Irgendwo gab es Welten, in denen Wesen durch Licht miteinander kommunizierten. Irgendwo Zivilisationen, die die grobe Materie längst hinter sich gelassen hatten und etwas wie denkende Energien geworden waren. Irgendwo Dimensionen, in denen Form nicht nötig war und alles als reines Wissen, als Liebe, als Schwingung existierte. Und all das war ihm nicht fremd. Auf seltsame Weise war all das vertraut. Als würde er nicht dorthin reisen, sondern sich erinnern.
Er erinnerte sich an etwas, das er einst gewusst hatte.
Vor der Geburt.
Vor dem Namen.
Vor dem ersten Schmerz.
Vor dem ersten „Ich weiß“.
Und dann, in einem nicht wahrnehmbaren Augenblick, sah er noch etwas anderes.
Dass diese ganze Unendlichkeit die gewöhnliche kleine Welt, in der er lebte, nicht aufhebt.
Gerade weil die Zeit unendlich ist, ist ein gewöhnlicher Abend bedeutsam.
Ein Haus.
Eine Wohnung im fünften Stock.
Eine Geige oben.
Ein Streit hinter der Wand.
Ein müder Mann im Sessel …
Denn die Ewigkeit liebt es, im Kleinen sichtbar zu werden.
Die Unendlichkeit ist nicht irgendwo weit entfernt. Sie vermag in die einfachsten Dinge einzudringen, wie Licht durch ein gewöhnliches Fenster fällt.
Als Pawel die Augen öffnete, war das Zimmer dasselbe.
Derselbe Abend.
Dieselbe Wohnung.
Hinter der Wand sprachen sie noch immer laut und ärgerlich, aber bereits leiser, als würden sie begreifen, dass es zwecklos war.
Oben strich das Mädchen noch immer mit dem Bogen über die Saiten, und plötzlich gelang ihr ein Ton so rein, dass Pawel erstarrte.
In der Küche stand ein Glas mit nicht ausgetrunkenem Wasser. Im Hof brannten die Laternen noch immer.
Nichts hatte sich verändert.
Und alles hatte sich verändert.
Er saß schweigend und reglos da, wie ein Mensch, der nicht aus einem Flug der Fantasie, sondern aus einem sehr fernen Zuhause zurückgekehrt ist.
Er wollte nichts erklären und nichts beweisen.
Denn manche Erfahrungen sind wie Sternenstaub auf der Handfläche: Sobald man beginnt, ihn zu grob zu betrachten, verschwindet er.
Er sah nur auf seine Hände.
Gewöhnliche Hände eines Menschen.
Doch nun lag etwas anderes in ihnen.
Als gehörten sie nicht nur ihm, sondern auch jenem Ewigen, der er gerade gewesen war.
Pawel nahm die Kopfhörer ab.
Er saß noch eine Weile da.
Und lächelte plötzlich beinahe.
Sehr schwach.
Fast unmerklich.
Denn vielleicht lag die Antwort nicht darin, zu wissen, ob er Gott, der Kosmos oder eine Höhere Intelligenz war.
Sondern darin, eines Tages einfach zu spüren:
Ich bin nicht getrennt.
Ich bin nicht verloren.
Ich bin ein Teil eines so großen Geheimnisses, dass selbst mein gewöhnliches Leben außerordentlich groß wird.
Und draußen vor dem Fenster stand noch immer derselbe gewöhnliche Abend …
Autor: Sergej Veretennikov.