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- 21.11.2019
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Wenn Neoslawismus und verschiedene Formen des Neopaganismus oft einfach Erfindungen selbsternannter „Kenner der russischen Veden“ sind, ist es bei den skandinavischen Göttern anders.
Dort gibt es keine „Kenner“, die plötzlich ins Internet stürmen und schreien, dass sie ihre eigenen Veden und Runen gehabt hätten, dass alles ihnen gehöre und die ganze Welt nur damit beschäftigt gewesen sei, alles von ihnen zu übernehmen …
Und mehr noch: Sie haben weder mit Russland noch mit der Russischen Föderation etwas zu tun. Und das beruht auf Gegenseitigkeit. Zumal die skandinavischen Götter seit jeher von Russen gehasst und im Laufe der Geschichte mit allen Mitteln ausgelöscht wurden.
Natürlich hatten wir einst, lange bevor die Russen Euch versklavten, unsere eigene Geschichte, und darin gab es einen Platz für die skandinavischen Götter.
An erster Stelle ist im Wort „skandinavisch“ die Sanskritwurzel „skanda“ erkennbar.
Es gibt sogar eine Skanda-Purana.
„Skanda-Purana“ — ein heiliger hinduistischer Text auf Sanskrit, der umfangreichste der achtzehn großen Puranas (der sogenannten „Mahapuranas“).
Zunächst ist es wichtig zu verstehen, dass es teilweise um sehr mächtige nördliche Magie geht.
Nicht um schwarze oder weiße
Einfach um Wissen.
Oft um das Wissen der Natur und des Kosmos.
Wer waren sie?
Ich denke immer häufiger über die skandinavischen Götter nicht als ferne fantastische Wesen nach, sondern als Träger eines anderen Entwicklungsgrades.
In den alten Erzählungen besitzen sie Eigenschaften, die wir heute als übernatürliche Fähigkeiten bezeichnen würden.
Sie können das Verborgene sehen.
Ihre Gestalt verändern.
Zwischen den Welten reisen.
Das Bewusstsein beeinflussen.
Magie beherrschen.
Die Sprache der Zeichen verstehen.
Ereignisse voraussagen.
Die Kräfte der Natur lenken.
Doch das Interessanteste ist: Viele dieser Fähigkeiten wirken in der nördlichen Tradition nicht wie etwas, das dem Menschen grundsätzlich unzugänglich wäre.
Auch ein Mensch kann Runen studieren.
Ein Mensch kann sich mit Magie beschäftigen.
Ein Mensch kann nach Wissen suchen.
Ein Mensch kann eine Einweihung durchlaufen.
Ein Mensch kann sich selbst verändern.
Und dann entsteht ein sehr interessanter Gedanke.
Was, wenn die nördlichen Götter nicht ganz „Götter“ im für uns gewohnten Sinne sind?
Was, wenn wir es mit der Erinnerung an Wesen zu tun haben, die ein unglaubliches Maß an Wissen und innerer Kraft erreicht haben?
Ich behaupte nicht, dass dies historisch bewiesen wäre.
Doch die nördliche Tradition selbst lässt für einen solchen Gedanken erstaunlich viel Raum.
Odin — kein König, sondern ein Suchender
Besonders deutlich zeigt sich das im Bild Odins.
Odin ist außerordentlich mächtig.
Doch Wissen wird ihm nicht umsonst gegeben.
Er sucht ständig danach.
Um Weisheit zu erlangen, gibt er ein Auge her.
Um die Runen zu erkennen, durchläuft er eine schreckliche Einweihung — neun Nächte hängt er, von einem Speer durchbohrt, am Weltenbaum.
Das ist ganz und gar nicht das Bild eines allwissenden Gottes, der von Anfang an alles weiß.
Im Gegenteil.
Vor uns steht jemand, der durch Erfahrung weiser wird.
Durch Opfer.
Durch Schmerz.
Durch innere Verwandlung.
Deshalb ist Odin für mich eine der ungewöhnlichsten Gestalten der Weltmythologie.
Er ist nicht groß, weil er alles fertig erhalten hat.
Er ist groß, weil er niemals aufhört zu suchen.
In diesem Sinne steht Odin dem Weg des Menschen erstaunlich nahe.
Das Geheimnis der Jugend der Götter
Es gibt noch ein weiteres Detail, das selten bemerkt wird.
Die skandinavischen Götter besitzen keine absolute ewige Jugend.
In den Mythen ist ihre Jugend mit Idunns Äpfeln verbunden.
Als Idunn und ihre Äpfel verschwinden, beginnen die Götter zu altern.
Diese Erzählung ist an sich unglaublich interessant.
Es stellt sich heraus, dass ihre Unsterblichkeit — wenn man dieses Wort überhaupt verwenden will — keine bedingungslose Eigenschaft ihrer Natur ist.
Sie wird aufrechterhalten.
Sie benötigen etwas, das ihnen erlaubt, ihre Jugend zu bewahren.
Und schon das allein unterscheidet die nördlichen Götter deutlich von der Vorstellung absoluter und ewiger himmlischer Wesen.
Sie sind keine körperlosen Geister außerhalb der Zeit.
Sie sind erstaunlich materiell.
Sie essen.
Trinken.
Reisen.
Altern.
Verletzen einander.
Und besitzen zugleich Wissen und Fähigkeiten, die die menschlichen weit übertreffen.
Genau deshalb gefällt mir der Ausdruck:
Götter des Nordens.
Nicht einfach Götter.
Sondern des Nordens.
Denn in ihnen spürt man das nördliche Land selbst.
Die nördliche Tradition ist nicht verschwunden
Mehr als tausend Jahre sind vergangen.
Die alten Siedlungen verschwanden.
Die Holzhäuser verfaulten längst.
Die heidnischen Heiligtümer verstummten.
Doch die Welt der nördlichen Götter verschwand nicht vollständig.
Sie hinterließ Steine.
Runen.
Amulette.
Schmuck.
Bestattungen.
Darstellungen.
Poesie.
Allein auf dem Gebiet Skandinaviens sind Tausende Runeninschriften erhalten geblieben.
In die Steine sind die Namen von Menschen gemeißelt, die vor mehr als tausend Jahren lebten.
Jemand stellte einen Stein zum Gedenken an seinen Vater auf.
Jemand — zum Gedenken an seinen Bruder.
Jemand starb auf einem Feldzug.
Jemand überquerte das Meer.
Und wenn man diese Inschriften betrachtet, wird besonders deutlich: Vor uns liegt keine erfundene Welt.
Diese Menschen haben tatsächlich existiert.
Sie lebten tatsächlich im Norden.
Sie glaubten tatsächlich an ihre Götter.
Die Namen dieser Götter erklangen über dem Meer, lange bevor die skandinavischen Mythen in Büchern niedergeschrieben wurden.
Thors Hammer, den man in die Hand nehmen kann
Archäologen finden zahlreiche Amulette in Form eines Hammers.
Heute nennen wir ihn Mjölnir — Thors Hammer.
Solche Anhänger trugen die Menschen im Zeitalter der Wikinger.
Das ist kein literarisches Bild mehr.
Keine Zeile, die viele Jahrhunderte später von einem Mönch abgeschrieben wurde.
Es ist ein Gegenstand.
Ein Objekt.
Metall, das einst von der Hand eines Menschen berührt wurde.
Eines der in Dänemark gefundenen Amulette erwies sich als besonders interessant: Auf ihm ist eine Runeninschrift erhalten, die direkt darauf hinweist, dass es sich um einen Hammer handelt.
Und plötzlich wird die Mythologie hier beinahe greifbar.
Thor ist nicht länger nur eine Figur aus einem alten Märchen.
Vor uns erscheint ein Mensch aus längst vergangenen Zeiten, der sein Zeichen auf der Brust trug.
Warum?
Als Schutz?
Als Symbol der Stärke?
Als Zeichen der Zugehörigkeit zu seinem Glauben?
Wir können es nicht mit Sicherheit wissen.
Doch der Gegenstand selbst ist geblieben.
Und das ist bereits eine Brücke zwischen uns und dem alten Norden.
Die Eddas — eine Stimme durch die Jahrhunderte
Auch Texte sind auf uns gekommen.
Vor allem die Ältere und die Jüngere Edda.
Dank ihnen kennen wir den größten Teil der Erzählungen über Odin, Thor, Loki, Freyja, Balder, Yggdrasil und Ragnarök.
Doch hier gibt es ein wichtiges Detail.
Die erhaltenen Handschriften wurden bereits in der christlichen Epoche aufgezeichnet.
Der alte Glaube war zu dieser Zeit im Niedergang begriffen.
Deshalb darf man die Eddas nicht völlig wörtlich lesen, als läge vor uns ein Gesprächsprotokoll mit einem Menschen des 9. Jahrhunderts.
Und dennoch vergleichen Forscher diese Erzählungen mit älterer skaldischer Dichtung, archäologischen Darstellungen und Runen — und stellen fest, dass viele Motive tatsächlich deutlich älter sind als die Handschriften selbst.
Die Welt der Eddas wurde also nicht im 13. Jahrhundert erfunden.
Sie kam aus der Vergangenheit.
Aus mündlicher Erinnerung.
Aus Liedern.
Aus Ritualen.
Von Generation zu Generation.
Und vielleicht veränderte jeder Erzähler etwas.
Vergaß etwas.
Fügte etwas hinzu.
Doch durch die Jahrhunderte blieb ein Kern erhalten.
Eine Welt aus vielen Welten
Die nördliche Tradition beeindruckt überhaupt durch ihre Vorstellung vom Aufbau des Universums.
Es gibt Asgard.
Es gibt Midgard — die Welt der Menschen.
Es gibt Jötunheim.
Es gibt Hel.
Es gibt weitere Welten.
Und all dies ist durch den großen Weltenbaum Yggdrasil miteinander verbunden.
Heute betrachten wir dies als mythologische Kosmologie.
Doch wenn man für einen Moment darauf verzichtet, die Menschen der Antike für naiv zu halten, stellt sich eine interessante Frage.
Was genau versuchten sie zu beschreiben?
Andere Dimensionen?
Andere Bewusstseinszustände?
Andere Ebenen der Wirklichkeit?
Oder einfach eine geistige Karte des Universums, ausgedrückt in einer für sie verständlichen Sprache?
Wir wissen es nicht.
Doch die Vorstellung vieler Welten wirkt an sich erstaunlich modern.
Der Mensch lebt nicht in der Leere.
Er befindet sich nur auf einer der Ebenen eines gewaltigen Universums.
Und Übergänge zwischen den Welten sind möglich.
Runen als Wissen
In der modernen Welt werden Runen oft in Wahrsagekarten verwandelt.
Doch für den Menschen des Nordens waren sie etwas Größeres.
Eine Rune ist ein Zeichen.
Ein Laut.
Eine Bedeutung.
Eine Kraft.
Im Mythos erhält Odin nicht einfach ein Alphabet.
Er erschließt geheimes Wissen.
Deshalb war die Runentradition nicht nur mit dem Schreiben verbunden, sondern auch mit Magie, Schutz, Weissagung und der Einflussnahme auf Ereignisse.
Und wieder begegnet uns das vertraute Motiv.
Wissen existiert.
Doch man muss es sich aneignen.
Es erfordert innere Reife.
Manchmal ein Opfer.
Der Norden verspricht dem Menschen überhaupt nur sehr selten einen leichten Weg.
Waren die Götter Menschen?
Die Geschichte erlaubt uns nicht zu sagen:
„Odin war ein realer Mensch, der damals dort und dort lebte.“
Solche Beweise haben wir nicht.
Und es wäre falsch, eine schöne Hypothese als feststehende Tatsache auszugeben.
Doch es gibt eine andere Tatsache.
Die alten Nordländer betrachteten ihre Götter als einen realen Teil des Weltgefüges.
Sie wandten sich an sie.
Trugen ihre Symbole.
Schufen Darstellungen.
Verfassten Lieder.
Überlieferten Erzählungen.
Und zugleich verhalten sich die Götter in diesen Erzählungen überhaupt nicht wie absolute unsterbliche Wesen.
Sie stehen dem Menschen viel näher.
Genau deshalb interessiert es mich, sie als das Bild eines Menschen zu betrachten, der eine bestimmte Grenze des Menschlichen überschritten hat.
Eines Menschen, der Wissen erlangt hat.
Eines Menschen, der die Kräfte der Natur beherrscht.
Eines Menschen, der gelernt hat, mehr zu sehen als andere.
Vielleicht verstand der alte Norden Göttlichkeit genau so.
Nicht als Gegensatz zum Menschen.
Sondern als höchste Möglichkeit seiner Entwicklung.
Und wieder der Norden
Wenn man lange skandinavische Mythen liest, beginnt man allmählich zu glauben, dass in ihnen nicht einmal Odin der eigentliche Hauptheld ist.
Nicht Thor.
Nicht Loki.
Der Hauptheld ist hier der Norden selbst.
Das kalte Meer.
Der graue Himmel.
Die Berge.
Der Wind.
Das Feuer im Langhaus.
Ein Schiff, das hinter dem Horizont verschwindet.
Ein Krieger, der weiß, dass er möglicherweise nicht zurückkehren wird.
Ein Mensch, der den Kopf zum Nachthimmel hebt und zu begreifen versucht, was jenseits seines kleinen Lebens liegt.
Und neben ihm — seine Götter.
Nicht vollkommen.
Nicht unbeschwert.
Nicht allmächtig.
Aber groß.
Ebenso rau wie das Land, das sie hervorgebracht hat.
Sie wissen, dass eines Tages Ragnarök kommen wird.
Sie wissen, dass selbst Asgard nicht ewig ist.
Doch solange dieser Tag nicht gekommen ist, sucht Odin weiter nach Wissen.
Thor beschützt weiterhin die Welt der Menschen.
Freyja bewahrt ihre Magie.
Heimdall steht an der Grenze der Welten.
Und der Weltenbaum Yggdrasil trägt noch immer das gewaltige Universum auf seinen Ästen.
Wahrscheinlich sind die Götter des Nordens deshalb auch nach tausend Jahren nicht verschwunden.
Wir sprechen ihre Namen noch immer aus.
Und irgendwo im kalten Land Skandinaviens stehen bis heute von Runen bedeckte Steine.
Und der Wind zieht über sie hinweg, genau wie vor tausend Jahren.
Dort gibt es keine „Kenner“, die plötzlich ins Internet stürmen und schreien, dass sie ihre eigenen Veden und Runen gehabt hätten, dass alles ihnen gehöre und die ganze Welt nur damit beschäftigt gewesen sei, alles von ihnen zu übernehmen …
Und mehr noch: Sie haben weder mit Russland noch mit der Russischen Föderation etwas zu tun. Und das beruht auf Gegenseitigkeit. Zumal die skandinavischen Götter seit jeher von Russen gehasst und im Laufe der Geschichte mit allen Mitteln ausgelöscht wurden.
Natürlich hatten wir einst, lange bevor die Russen Euch versklavten, unsere eigene Geschichte, und darin gab es einen Platz für die skandinavischen Götter.
An erster Stelle ist im Wort „skandinavisch“ die Sanskritwurzel „skanda“ erkennbar.
Es gibt sogar eine Skanda-Purana.
„Skanda-Purana“ — ein heiliger hinduistischer Text auf Sanskrit, der umfangreichste der achtzehn großen Puranas (der sogenannten „Mahapuranas“).
Zunächst ist es wichtig zu verstehen, dass es teilweise um sehr mächtige nördliche Magie geht.
Nicht um schwarze oder weiße
Einfach um Wissen.
Oft um das Wissen der Natur und des Kosmos.
Wer waren sie?
Ich denke immer häufiger über die skandinavischen Götter nicht als ferne fantastische Wesen nach, sondern als Träger eines anderen Entwicklungsgrades.
In den alten Erzählungen besitzen sie Eigenschaften, die wir heute als übernatürliche Fähigkeiten bezeichnen würden.
Sie können das Verborgene sehen.
Ihre Gestalt verändern.
Zwischen den Welten reisen.
Das Bewusstsein beeinflussen.
Magie beherrschen.
Die Sprache der Zeichen verstehen.
Ereignisse voraussagen.
Die Kräfte der Natur lenken.
Doch das Interessanteste ist: Viele dieser Fähigkeiten wirken in der nördlichen Tradition nicht wie etwas, das dem Menschen grundsätzlich unzugänglich wäre.
Auch ein Mensch kann Runen studieren.
Ein Mensch kann sich mit Magie beschäftigen.
Ein Mensch kann nach Wissen suchen.
Ein Mensch kann eine Einweihung durchlaufen.
Ein Mensch kann sich selbst verändern.
Und dann entsteht ein sehr interessanter Gedanke.
Was, wenn die nördlichen Götter nicht ganz „Götter“ im für uns gewohnten Sinne sind?
Was, wenn wir es mit der Erinnerung an Wesen zu tun haben, die ein unglaubliches Maß an Wissen und innerer Kraft erreicht haben?
Ich behaupte nicht, dass dies historisch bewiesen wäre.
Doch die nördliche Tradition selbst lässt für einen solchen Gedanken erstaunlich viel Raum.
Odin — kein König, sondern ein Suchender
Besonders deutlich zeigt sich das im Bild Odins.
Odin ist außerordentlich mächtig.
Doch Wissen wird ihm nicht umsonst gegeben.
Er sucht ständig danach.
Um Weisheit zu erlangen, gibt er ein Auge her.
Um die Runen zu erkennen, durchläuft er eine schreckliche Einweihung — neun Nächte hängt er, von einem Speer durchbohrt, am Weltenbaum.
Das ist ganz und gar nicht das Bild eines allwissenden Gottes, der von Anfang an alles weiß.
Im Gegenteil.
Vor uns steht jemand, der durch Erfahrung weiser wird.
Durch Opfer.
Durch Schmerz.
Durch innere Verwandlung.
Deshalb ist Odin für mich eine der ungewöhnlichsten Gestalten der Weltmythologie.
Er ist nicht groß, weil er alles fertig erhalten hat.
Er ist groß, weil er niemals aufhört zu suchen.
In diesem Sinne steht Odin dem Weg des Menschen erstaunlich nahe.
Das Geheimnis der Jugend der Götter
Es gibt noch ein weiteres Detail, das selten bemerkt wird.
Die skandinavischen Götter besitzen keine absolute ewige Jugend.
In den Mythen ist ihre Jugend mit Idunns Äpfeln verbunden.
Als Idunn und ihre Äpfel verschwinden, beginnen die Götter zu altern.
Diese Erzählung ist an sich unglaublich interessant.
Es stellt sich heraus, dass ihre Unsterblichkeit — wenn man dieses Wort überhaupt verwenden will — keine bedingungslose Eigenschaft ihrer Natur ist.
Sie wird aufrechterhalten.
Sie benötigen etwas, das ihnen erlaubt, ihre Jugend zu bewahren.
Und schon das allein unterscheidet die nördlichen Götter deutlich von der Vorstellung absoluter und ewiger himmlischer Wesen.
Sie sind keine körperlosen Geister außerhalb der Zeit.
Sie sind erstaunlich materiell.
Sie essen.
Trinken.
Reisen.
Altern.
Verletzen einander.
Und besitzen zugleich Wissen und Fähigkeiten, die die menschlichen weit übertreffen.
Genau deshalb gefällt mir der Ausdruck:
Götter des Nordens.
Nicht einfach Götter.
Sondern des Nordens.
Denn in ihnen spürt man das nördliche Land selbst.
Die nördliche Tradition ist nicht verschwunden
Mehr als tausend Jahre sind vergangen.
Die alten Siedlungen verschwanden.
Die Holzhäuser verfaulten längst.
Die heidnischen Heiligtümer verstummten.
Doch die Welt der nördlichen Götter verschwand nicht vollständig.
Sie hinterließ Steine.
Runen.
Amulette.
Schmuck.
Bestattungen.
Darstellungen.
Poesie.
Allein auf dem Gebiet Skandinaviens sind Tausende Runeninschriften erhalten geblieben.
In die Steine sind die Namen von Menschen gemeißelt, die vor mehr als tausend Jahren lebten.
Jemand stellte einen Stein zum Gedenken an seinen Vater auf.
Jemand — zum Gedenken an seinen Bruder.
Jemand starb auf einem Feldzug.
Jemand überquerte das Meer.
Und wenn man diese Inschriften betrachtet, wird besonders deutlich: Vor uns liegt keine erfundene Welt.
Diese Menschen haben tatsächlich existiert.
Sie lebten tatsächlich im Norden.
Sie glaubten tatsächlich an ihre Götter.
Die Namen dieser Götter erklangen über dem Meer, lange bevor die skandinavischen Mythen in Büchern niedergeschrieben wurden.
Thors Hammer, den man in die Hand nehmen kann
Archäologen finden zahlreiche Amulette in Form eines Hammers.
Heute nennen wir ihn Mjölnir — Thors Hammer.
Solche Anhänger trugen die Menschen im Zeitalter der Wikinger.
Das ist kein literarisches Bild mehr.
Keine Zeile, die viele Jahrhunderte später von einem Mönch abgeschrieben wurde.
Es ist ein Gegenstand.
Ein Objekt.
Metall, das einst von der Hand eines Menschen berührt wurde.
Eines der in Dänemark gefundenen Amulette erwies sich als besonders interessant: Auf ihm ist eine Runeninschrift erhalten, die direkt darauf hinweist, dass es sich um einen Hammer handelt.
Und plötzlich wird die Mythologie hier beinahe greifbar.
Thor ist nicht länger nur eine Figur aus einem alten Märchen.
Vor uns erscheint ein Mensch aus längst vergangenen Zeiten, der sein Zeichen auf der Brust trug.
Warum?
Als Schutz?
Als Symbol der Stärke?
Als Zeichen der Zugehörigkeit zu seinem Glauben?
Wir können es nicht mit Sicherheit wissen.
Doch der Gegenstand selbst ist geblieben.
Und das ist bereits eine Brücke zwischen uns und dem alten Norden.
Die Eddas — eine Stimme durch die Jahrhunderte
Auch Texte sind auf uns gekommen.
Vor allem die Ältere und die Jüngere Edda.
Dank ihnen kennen wir den größten Teil der Erzählungen über Odin, Thor, Loki, Freyja, Balder, Yggdrasil und Ragnarök.
Doch hier gibt es ein wichtiges Detail.
Die erhaltenen Handschriften wurden bereits in der christlichen Epoche aufgezeichnet.
Der alte Glaube war zu dieser Zeit im Niedergang begriffen.
Deshalb darf man die Eddas nicht völlig wörtlich lesen, als läge vor uns ein Gesprächsprotokoll mit einem Menschen des 9. Jahrhunderts.
Und dennoch vergleichen Forscher diese Erzählungen mit älterer skaldischer Dichtung, archäologischen Darstellungen und Runen — und stellen fest, dass viele Motive tatsächlich deutlich älter sind als die Handschriften selbst.
Die Welt der Eddas wurde also nicht im 13. Jahrhundert erfunden.
Sie kam aus der Vergangenheit.
Aus mündlicher Erinnerung.
Aus Liedern.
Aus Ritualen.
Von Generation zu Generation.
Und vielleicht veränderte jeder Erzähler etwas.
Vergaß etwas.
Fügte etwas hinzu.
Doch durch die Jahrhunderte blieb ein Kern erhalten.
Eine Welt aus vielen Welten
Die nördliche Tradition beeindruckt überhaupt durch ihre Vorstellung vom Aufbau des Universums.
Es gibt Asgard.
Es gibt Midgard — die Welt der Menschen.
Es gibt Jötunheim.
Es gibt Hel.
Es gibt weitere Welten.
Und all dies ist durch den großen Weltenbaum Yggdrasil miteinander verbunden.
Heute betrachten wir dies als mythologische Kosmologie.
Doch wenn man für einen Moment darauf verzichtet, die Menschen der Antike für naiv zu halten, stellt sich eine interessante Frage.
Was genau versuchten sie zu beschreiben?
Andere Dimensionen?
Andere Bewusstseinszustände?
Andere Ebenen der Wirklichkeit?
Oder einfach eine geistige Karte des Universums, ausgedrückt in einer für sie verständlichen Sprache?
Wir wissen es nicht.
Doch die Vorstellung vieler Welten wirkt an sich erstaunlich modern.
Der Mensch lebt nicht in der Leere.
Er befindet sich nur auf einer der Ebenen eines gewaltigen Universums.
Und Übergänge zwischen den Welten sind möglich.
Runen als Wissen
In der modernen Welt werden Runen oft in Wahrsagekarten verwandelt.
Doch für den Menschen des Nordens waren sie etwas Größeres.
Eine Rune ist ein Zeichen.
Ein Laut.
Eine Bedeutung.
Eine Kraft.
Im Mythos erhält Odin nicht einfach ein Alphabet.
Er erschließt geheimes Wissen.
Deshalb war die Runentradition nicht nur mit dem Schreiben verbunden, sondern auch mit Magie, Schutz, Weissagung und der Einflussnahme auf Ereignisse.
Und wieder begegnet uns das vertraute Motiv.
Wissen existiert.
Doch man muss es sich aneignen.
Es erfordert innere Reife.
Manchmal ein Opfer.
Der Norden verspricht dem Menschen überhaupt nur sehr selten einen leichten Weg.
Waren die Götter Menschen?
Die Geschichte erlaubt uns nicht zu sagen:
„Odin war ein realer Mensch, der damals dort und dort lebte.“
Solche Beweise haben wir nicht.
Und es wäre falsch, eine schöne Hypothese als feststehende Tatsache auszugeben.
Doch es gibt eine andere Tatsache.
Die alten Nordländer betrachteten ihre Götter als einen realen Teil des Weltgefüges.
Sie wandten sich an sie.
Trugen ihre Symbole.
Schufen Darstellungen.
Verfassten Lieder.
Überlieferten Erzählungen.
Und zugleich verhalten sich die Götter in diesen Erzählungen überhaupt nicht wie absolute unsterbliche Wesen.
Sie stehen dem Menschen viel näher.
Genau deshalb interessiert es mich, sie als das Bild eines Menschen zu betrachten, der eine bestimmte Grenze des Menschlichen überschritten hat.
Eines Menschen, der Wissen erlangt hat.
Eines Menschen, der die Kräfte der Natur beherrscht.
Eines Menschen, der gelernt hat, mehr zu sehen als andere.
Vielleicht verstand der alte Norden Göttlichkeit genau so.
Nicht als Gegensatz zum Menschen.
Sondern als höchste Möglichkeit seiner Entwicklung.
Und wieder der Norden
Wenn man lange skandinavische Mythen liest, beginnt man allmählich zu glauben, dass in ihnen nicht einmal Odin der eigentliche Hauptheld ist.
Nicht Thor.
Nicht Loki.
Der Hauptheld ist hier der Norden selbst.
Das kalte Meer.
Der graue Himmel.
Die Berge.
Der Wind.
Das Feuer im Langhaus.
Ein Schiff, das hinter dem Horizont verschwindet.
Ein Krieger, der weiß, dass er möglicherweise nicht zurückkehren wird.
Ein Mensch, der den Kopf zum Nachthimmel hebt und zu begreifen versucht, was jenseits seines kleinen Lebens liegt.
Und neben ihm — seine Götter.
Nicht vollkommen.
Nicht unbeschwert.
Nicht allmächtig.
Aber groß.
Ebenso rau wie das Land, das sie hervorgebracht hat.
Sie wissen, dass eines Tages Ragnarök kommen wird.
Sie wissen, dass selbst Asgard nicht ewig ist.
Doch solange dieser Tag nicht gekommen ist, sucht Odin weiter nach Wissen.
Thor beschützt weiterhin die Welt der Menschen.
Freyja bewahrt ihre Magie.
Heimdall steht an der Grenze der Welten.
Und der Weltenbaum Yggdrasil trägt noch immer das gewaltige Universum auf seinen Ästen.
Wahrscheinlich sind die Götter des Nordens deshalb auch nach tausend Jahren nicht verschwunden.
Wir sprechen ihre Namen noch immer aus.
Und irgendwo im kalten Land Skandinaviens stehen bis heute von Runen bedeckte Steine.
Und der Wind zieht über sie hinweg, genau wie vor tausend Jahren.