Eine weitere Handschrift von denen zu lesen, die er vor dem Feuer gerettet hatte, wurde ihm durch eine wunderbare Erscheinung verwehrt, die plötzlich vor ihm auftrat; zumindest hielten alle sie für eine Erscheinung, doch es war die Schäferin Marcela: Sie erschien auf dem Gipfel des Berges, an dessen Fuß die Hirten ein Grab aushoben, und sie war so schön, dass ihre Schönheit augenblicklich den Glanz ihrer eigenen Herrlichkeit verdunkelte. Diejenigen, die sie zum ersten Mal sahen, hefteten schweigend bewundernde Blicke auf sie, doch auch jene, die sie häufig zu sehen bekamen, waren nicht weniger erstaunt als diejenigen, die sie noch nie zuvor gesehen hatten. Ambrosio aber sagte, kaum hatte er sie erblickt und unfähig, seinen Unmut zu zügeln:
– Wozu bist du hier erschienen, grausamer Basilisk der umliegenden Berge? Etwa um zu sehen, ob beim Herannahen aus den Wunden des Unglücklichen, dem deine Grausamkeit das Leben geraubt hat, Blut hervorströmen wird? Etwa um dich deiner ruchlosen Taten zu rühmen und, gleich dem grausamen Nero [139], der auf den Brand des brennenden Rom herabblickte, sie von oben zu bewundern? Oder etwa um, gleich der undankbaren Tochter des Tarquinius [140], mit frevlerischem Fuß auf diese erkaltete Leiche zu treten? Sprich schnell: Warum bist du gekommen, und was willst du von uns? Solange Chrysostomus lebte, galten seine Gedanken dir; nach seinem Tod können die Gedanken derer, die sich seine Freunde nennen, leicht von dir verschlungen werden.
– Nein, Ambrosio, deshalb bin ich nicht hierhergekommen! – antwortete Marcela. – Ich bin gekommen, um mich zu rechtfertigen und zu beweisen, dass jene im Unrecht sind, die mich für Chrysostomus’ Tod und für ihre eigenen Sorgen verantwortlich machen. Deshalb bitte ich alle Anwesenden, mir aufmerksam zuzuhören – denn damit vernünftige Menschen die Wahrheit erkennen, muss ich weder viel Zeit aufwenden noch viele Worte verlieren. Ihr selbst behauptet, der Himmel habe mich mit Schönheit beschenkt und meine Schönheit entwaffne euch und zwinge euch, mich zu lieben; doch ihr bringt den Wunsch zum Ausdruck und verlangt sogar, dass auch ich euch aus Dankbarkeit für eure Liebe liebe. Der natürliche Verstand, mit dem mich der Herr ausgestattet hat, sagt mir, dass man das Schöne nicht nicht lieben kann; doch muss etwa jene, die man ihrer Schönheit wegen liebt, denjenigen lieben, der sie liebt, einzig deshalb, weil sie geliebt wird? Stellt euch nun vor, derjenige, der sich in ihre Schönheit verliebt hat, sei obendrein hässlich. Da alles Hässliche unweigerlich Abscheu erregt, wäre es doch sehr sonderbar, wenn er sagte: »Ich habe mich wegen deiner Schönheit in dich verliebt – so liebe auch du mich, obwohl ich hässlich bin.« Nehmen wir sogar an, beide seien gleichermaßen schön; das bedeutet noch lange nicht, dass auch ihre Wünsche übereinstimmen, denn nicht jede Schönheit besitzt die Fähigkeit, Liebe zu erwecken – die eine erfreut das Auge, erobert aber nicht das Herz. Denn wenn jede Schönheit Liebe erwecken und Herzen bezwingen würde, irrten unsere unbestimmten und verworrenen Wünsche ewig umher, ohne zu wissen, worauf sie sich richten sollten; denn wenn es auf der Welt unzählige schöne Wesen gibt, müssten auch unsere Wünsche unzählig sein. Ich habe jedoch gehört, dass wahre Empfindung unteilbar ist und dass man nicht aus Zwang lieben kann. Wenn dem aber so ist – und ich bin überzeugt, dass es genau so ist –, kann man dann von mir verlangen, mein Herz gewaltsam hinzugeben, nur weil ihr mir eure Liebe schwört? Und wenn der Himmel, der mich schön erschaffen hat, mich hässlich erschaffen hätte, sagt: Hätte ich dann das Recht, euch vorzuwerfen, dass ihr mich nicht liebt? Bedenkt auch, dass ich meine Schönheit nicht gewählt habe: Wie sie auch sein mag, sie wurde mir vom Himmel als Gabe gesandt; ich habe sie weder erstrebt noch ausgewählt. Und wenn man einer Schlange nicht vorwerfen darf, giftig zu sein, weil die Natur selbst sie mit dem Gift ausgestattet hat, mit dem sie tötet, dann bin auch ich nicht schuld daran, schön geboren zu sein; denn die Schönheit einer ehrbaren Frau ist wie eine ferne Flamme oder ein scharfes Schwert: Wer sich ihr nicht nähert, den verletzt und versengt sie nicht. Ehre und Tugenden sind Schmuck der Seele, ohne den selbst der schönste Körper seine ganze Schönheit verliert.
Ein unschuldiges Mädchen, wenn die Unschuld zu jenen Tugenden gehört, die Seele und Körper so schmücken und ihnen besonderen Liebreiz verleihen, soll etwa seine Unschuld verlieren, indem es den Werbungen eines Mannes nachgibt, der zu seinem eigenen Vergnügen alle möglichen Listen anwendet, um sie dazu zu bringen, sie zu verlieren? Ich wurde frei geboren, und um frei zu leben, habe ich die Einsamkeit der Täler gewählt: Die auf den Bergen wachsenden Bäume sind meine Gesprächspartner, das klare Wasser der Bäche meine Spiegel. Den Bäumen und den Wassern vertraue ich meine Gedanken und meine Schönheit an. Ich bin eine ferne Flamme, ein in der Ferne blitzendes Schwert. Jene, die mein Blick bezaubert, werden durch meine Worte ernüchtert. Die Hoffnung nährt die Wünsche; und da ich weder Chrysostomus noch irgendjemand anderem Hoffnungen gemacht habe, liegt die Vermutung näher, dass Chrysostomus durch seine eigene Hartnäckigkeit ins Grab gebracht wurde, nicht durch meine Grausamkeit. Man mag einwenden, seine Absichten seien ehrenhaft gewesen und ich hätte ihm deshalb Liebe erwidern müssen. Nun, ich sage euch: Als er mir an genau diesem Ort, an dem man ihm jetzt das Grab gräbt, seine guten Absichten offenbarte, antwortete ich ihm, dass meine Bestimmung ewige Einsamkeit sein werde und dass allein die Erde die Früchte meiner Keuschheit und die Überreste meiner Schönheit genießen solle. Wenn er trotz meiner ernüchternden Worte hoffnungslos beharrte und gegen den Strom schwamm, was ist dann verwunderlich daran, dass ihn am Ende die Welle des Unverstands verschlang? Hätte ich ihn zurückgehalten, hätte ich meine Seele verdreht. Hätte ich ihm nachgegeben, hätte ich meinem besten Streben und Antrieb untreu gehandelt. Er wollte nicht auf meine Zurückweisungen hören und ging zugrunde, ohne verfolgt worden zu sein – urteilt nun selbst, ob ich an seinem Leid schuld bin. Mag der Betrogene klagen, mag derjenige trauern, den man durch Hoffnung verlockt hat, mag derjenige hoffen, den ich rufen werde, mag derjenige stolz sein, den ich zu mir zulassen werde; aber derjenige soll mich nicht eine unmenschliche Mörderin nennen, den ich weder verlockt noch getäuscht, weder gerufen noch zu mir zugelassen habe. Bis heute hat es dem Himmel nicht gefallen, dass ich durch die Fügung des Schicksals irgendjemanden liebe; dass ich selbst eine Wahl treffe, dürft ihr von mir nicht erwarten. Mögen diese völlig ernüchternden Worte künftig jedem zur Warnung dienen, der meine Gunst sucht. Und wenn jemand meinetwegen stirbt, so wisst: Er stirbt weder aus Eifersucht noch aus Demütigung, denn wer niemanden liebt, kann in niemandem Eifersucht erregen, und jemanden zu ernüchtern bedeutet nicht, ihn zu demütigen. Wer mich ein Tier und einen Basilisken nennt, der halte sich von mir fern wie von einem schädlichen und bösen Wesen; wer mich erbarmungslos nennt, der suche mir nicht zu gefallen; wer mich undankbar nennt, der meide mich; wer mich grausam nennt, der verfolge mich nicht – denn dieses Tier und dieser Basilisk, diese erbarmungslose, grausame und undankbare Frau wird niemandem nachgehen, niemandem zu gefallen suchen, allen fernbleiben und niemanden verfolgen. Chrysostomus wurden seine wahnsinnige Leidenschaft und sein feuriges Temperament zum Verhängnis; was haben mein bescheidenes Verhalten und meine Keuschheit damit zu tun? Ich bewahre meine Ehre in der Gesellschaft der Bäume – warum wollen jene, die wünschen, dass ich mit Menschen verkehre, sie mir rauben? Ihr wisst, dass ich meinen eigenen Reichtum besitze – ich beneide keinen fremden. Mein Wesen ist freiheitsliebend, und ich wünsche mich niemandem zu unterwerfen. Ich liebe niemanden und hege gegen niemanden Hass. Ich täusche niemanden und verführe niemanden, ich spotte über niemanden und schmeichle niemandem. Die unschuldigen Gespräche der Dorfmädchen und die Sorge um die Ziegen – das ist es, was mir lieb ist. Meine Träume reichen nicht über die umliegenden Berge hinaus; und wenn sie es doch tun, dann nur, um auf dem Weg, auf dem die Seele ihrer Heimat entgegenstrebt, die Schönheit des Himmels zu betrachten.
Mit diesen Worten verschwand Marcela, ohne eine Antwort abzuwarten, im Dickicht des nahegelegenen Waldes und versetzte die Anwesenden sowohl durch ihre Besonnenheit als auch durch ihre Schönheit in Erstaunen.