Vor langer, langer Zeit lebte unterhalb der Stadt Murom im Dorf Karatscharowo der Bauer Iwan Timofejewitsch mit seiner Frau Jewfrosinja Jakowlewna.
Sie hatten einen Sohn namens Ilja. Vater und Mutter liebten ihn, doch wenn sie ihn ansahen, weinten sie: Seit dreißig Jahren lag Ilja auf dem Ofen und konnte weder Hand noch Fuß bewegen. Ilja war von stattlicher Gestalt wie ein Recke, klug und hellen Geistes, mit scharfem Blick, doch seine Beine trugen ihn nicht; sie lagen reglos da wie Balken.
Ilja hörte, während er auf dem Ofen lag, wie seine Mutter weinte, sein Vater seufzte und die russischen Menschen klagten: Feinde fielen in Russland ein, zertrampelten die Felder, töteten Menschen und machten Kinder zu Waisen. Räuber streiften auf den Wegen umher und ließen weder Fußgänger noch Reisende passieren. Der Drache Gorynytsch fiel in Russland ein und verschleppte Mädchen in sein Versteck.
Ilja litt bitterlich, als er all dies hörte, und beklagte sein Schicksal:
— Ach, meine gehunfähigen Beine, ach, meine kraftlosen Arme! Wäre ich gesund, würde ich das heimatliche Russland nicht den Feinden und Räubern preisgeben!
So vergingen die Tage, so rollten die Monate dahin …
Eines Tages gingen Vater und Mutter in den Wald, um Baumstümpfe auszuroden, Wurzeln herauszureißen und ein Feld zum Pflügen vorzubereiten. Ilja lag allein auf dem Ofen und blickte aus dem Fenster.
Plötzlich sah er, wie drei arme Wanderer zu seinem Haus kamen.
Sie blieben am Tor stehen, klopften mit einem eisernen Ring und sagten:
— Steh auf, Ilja, und öffne das Pförtchen.
— Ihr macht grausame Scherze, Wanderer: Seit dreißig Jahren sitze ich unbeweglich auf dem Ofen und kann nicht aufstehen.
— Dann richte dich wenigstens auf, Iljuschenka.
Ilja stemmte sich hoch – und sprang vom Ofen. Nun stand er auf dem Boden und konnte selbst sein Glück kaum fassen.
— Nun geh ein wenig, Ilja.
Ilja machte einen Schritt, dann einen zweiten – seine Beine hielten ihn sicher, leicht trugen sie ihn.
Ilja freute sich, doch vor Freude konnte er kein Wort hervorbringen. Da sagten die wandernden Kalis an ihn:
— Bring uns doch, Iljuscha, kaltes Wasser. Ilja brachte einen Eimer kaltes Wasser. Einer der Wanderer schöpfte Wasser in einen kleinen Schöpflöffel.
— Trink, Ilja. In diesem Schöpflöffel ist das Wasser aller Flüsse und aller Seen Mütterchen Russlands.
Ilja trank und spürte in sich die Kraft eines Recken. Da fragten ihn die Kalis:
— Wie viel Kraft spürst du in dir?
— Viel, Wanderer. Hätte ich nur eine Schaufel, würde ich die ganze Erde umgraben.
— Trink den Rest, Ilja. In diesem Rest liegt der Tau der ganzen Erde, von grünen Wiesen, hohen Wäldern und fruchtbaren Feldern. Trink.
Ilja trank auch den Rest.
— Und nun, wie viel Kraft hast du in dir?
— Oh, wandernde Kalis, so viel Kraft ist in mir, dass ich, gäbe es einen Ring am Himmel, mich daran festhalten und die ganze russische Erde umwenden könnte.
— Du hast zu viel Kraft in dir; man muss sie verringern, sonst wird die Erde dich nicht mehr tragen. Bring noch etwas Wasser.
Ilja ging nach Wasser, doch tatsächlich trug ihn die Erde nicht mehr: Sein Fuß versank wie in einem Sumpf, er packte eine junge Eiche – und riss sie samt Wurzeln heraus; die Kette vom Brunnen zerriss wie ein Faden in Stücke.
Nun setzte Ilja ganz leise einen Fuß vor den anderen, doch unter ihm zerbrachen die Dielen. Nun sprach Ilja flüsternd, doch die Türen rissen aus den Angeln.
Ilja brachte Wasser, und die Wanderer schöpften noch einen kleinen Schöpflöffel voll.
— Trink, Ilja!
Ilja trank das Brunnenwasser.
— Wie viel Kraft hast du jetzt in dir?
— In mir ist nur noch die Hälfte der Kraft.
— Nun, das genügt dir, guter Bursche. Du wirst, Ilja, ein großer Recke sein