1145
Um eines Tages den geheimen Rang zu erreichen,
Wage es nicht, auch nur einmal einen Schwachen mit dem Fuß niederzudrücken.
Beschwöre kein Unglück, denke nicht an den Tod:
Sie werden ohnehin ihren Weg zu dir finden.
1146
Selbst wenn das Schicksal dir fünf Jahrhunderte schenkt,
Nicht die Langlebigkeit, sondern die Taten werden dich berühmt machen.
Sei weise! Damit die Nachwelt dich nicht verflucht,
Werde zu einem guten Märchen, nicht zu einem Ausbund des Bösen.
1147
Schreite auf deinem Weg nicht so dahin, dass jeder hier und dort,
Sobald er dich sieht, aufspringen und „Salam!“ rufen würde,
Und betrete die Moschee so, dass die Menschen nicht auseinanderweichen,
Ehrfürchtig flüsternd: „Wahrscheinlich ein Imam!“
1148
Eine große Schande und Schmach: sich selbst zu vergöttern,
Im Herzen das Volk zu verachten und sich selbst zum Herrscher zu machen.
Vom scharfen Auge sollte man lernen,
Beim Blick auf die Menschen sich selbst überhaupt nicht zu sehen.
1149
Hast du daran gedacht, dass unser Vorfahr Adam ist?
Auch wenn die Jahrhunderte uns voneinander getrennt haben,
Uns einander fremd und voneinander verschieden erscheinen lassen,
Unsere Verwandtschaft mit dir können wir nicht bestreiten.
1150
Mögen dich freudlose Tage erschöpft haben,
Mögen sie von der Wut des Himmels erfüllt sein,
Magst du im Feuer brennen! – Mit einem Schluck kalten Wassers
Beflecke deine Lippen nicht an der Schale eines Schurken.
1151
Sobald du Brot für ein oder zwei Tage gefunden hast,
Und sei der Krug auch angeschlagen, solange Wasser darin plätschert –
Warum Sklave der Nichtigkeit bleiben?
Oder einen dir Ebenbürtigen zu deinem Diener machen?
1152
Würdiger ist es, an einem Knochen zu nagen und frei wie ein Adler zu sein,
Als sich bei einem Nichtsnutz an den Tisch zu setzen.
Ein Stückchen Brot des Armen zu kauen ist, bei Gott, ehrenvoller,
Als sich unter Schurken mit Kissel zu beschmutzen.
1153
Schluss damit, vor jedem Aas zu kriechen,
Mit der Seele wie eine Fliege an kostenlosen Resten zu kleben.
Ein Fladen für zwei Tage sättigt mehr als jede Almosengabe;
Iss lieber dein eigenes Fleisch als den fetten Plow eines anderen.
1154
O Jüngling! Ein Greis gibt dir einen Rat,
Gewachsen auf dem Sauerteig vieler weiser Jahre:
Schließe keine Freundschaften mit Menschen, die du kaum kennst,
Beginne keine Unternehmungen, die keinen Nutzen bringen.
1155
Suche im Umgang mit einem Weisen Halt,
Und wenn du einen Unwissenden erblickst, mach einen großen Bogen um ihn.
Wenn ein Weiser dir einen Becher reicht, trink sogar Gift,
Doch wenn ein Dummkopf dich bewirtet, schütte selbst den Honig aus.
1156
„Vom Chārobāt kommt das Böse“, sagt man oft.
Doch das Böse lauert in uns. Was hat der Chārobāt damit zu tun!
Alles erscheint schief, wenn die Augen schielen,
Und nur ein gerader Blick erkennt die Schiefe.
1157
Solange es mir schwerfällt, mit mir selbst befreundet zu sein,
Habe ich kein Recht, über Gut und Böse anderer zu urteilen.
Ich muss mich selbst bis an die Grenze erkennen,
Damit mein Herz die anderen Menschen verstehen kann.
1158
Eine schön gelockte Frau zu umarmen – gut!
Und den süßen Kelch zu heben – gut!
Und mag die Hand des Schicksals noch ein wenig zögern:
Dem Schicksal auch nur ein wenig zu entreißen – gut!
1159
Wieder wird eine deiner Minuten vergehen.
Wird sie von Lachen und dem Glanz des Weines geschmückt? – So sei es!
Ein Schatz des Universums wurde dir anvertraut –
Das Leben. Wohin du es führst, dorthin wird es gehen.
1160
Dann lässt du die gewalttätige Schicksalsmacht nicht in deine nächtliche Ruhe,
Lässt die traurige Erinnerung nicht an der Schwermut zugrunde gehen,
Lässt die Liebe nicht mit deiner Hand in den Wind verstreichen,
Dann wirst du auch dein irdisches Leben nicht in den Wind schlagen.
1161
Wirst du morgen früh erwachen, wenn du heute schlafen gehst?
Dann säume nicht, die Samen des Guten auszustreuen.
Sollte man dir diese Welt etwa im Zögern entreißen?
So beeile dich im Herzen, Freunde zu erkennen!
1162
Ist etwa dem Weisen die Welt der Sorgen verborgen?
Dennoch schau, wie fröhlich er dahinschreitet!
Verstehe: Gut passt sich dem Leben an,
Wer den Kelch des Lebens trinkt, aber nicht seine Bitterkeit.
1163
Befriedige die Wünsche des Herzens liebevoll,
Indem du die Ernte deiner Tage Körnchen für Körnchen sammelst.
Aus allen Schatzkammern, zu denen das Herz strebt,
Sammle deine Ernte und teile sie erneut aus.
1164
Das ist ein gutes Werk. Du bewunderst es. Doch trotzdem
Urteile nicht, bevor du es von der Rückseite gewendet hast.
Nimm dir die Schneider zum Beispiel: Obwohl sie auf die Vorderseite
schauen, während sie nähen, ist die Rückseite schön.
1165
Für die Suche nach dem, was wirklich existiert und was anzuziehen ist,
Wende selbstverständlich etwas seelische Kraft auf.
Der ganze übrige Haufen der Güter ist nicht einmal eines Blickes wert,
Und ihnen gar das Leben zu geben … Das hieße, das Leben hinzugeben!
1166
Wen du beneidest, den erhebst du zum König,
Wen du verachtest, den erniedrigst du zur Knechtschaft.
Doch besinne dich, solange du noch helfen kannst:
So wirst du auch im Hilflosen einen Helfer finden.
1167
Wer weder Krankheit noch Hunger kannte,
Wer sein Dach nicht gegen den Palast eines anderen eingetauscht hat,
Keine Dienerschaft hielt und selbst kein Diener war –
Beneide ihn: Er hat die Sahne des Daseins abgeschöpft!
1168
Dränge dich nicht nach oben; Stoße auf deinem Weg nach vorn andere nicht um.
Wirf das Gift fort und schenke den Balsam deiner Seele.
Damit das Böse dich auf der bösen Erde nicht besiegt,
Lerne das Böse nicht, lehre das Böse nicht, hege das Böse nicht!
1169
Wünsche es nur, und mühelos wirst du erreichen,
Dass dich die Vornehmen achten und das einfache Volk dich liebt.
Ob Christ, Jude oder Muslim vorüberging –
Rede hinter ihnen nicht schlecht, und du wirst Achtung gewinnen.
1170
Bewahre deine Worte sicherer als Münzen:
Höre bis zum Ende zu, dann antworte.
Dir wurden bei zwei Ohren nur eine Zunge gegeben,
Damit du zweien zuhörst, aber einen Rat gibst.
1171
He, Wanderer! Verschlafe deinen Weg nicht, verpasse ihn nicht,
Sei kein Pfeil, der sinnlos umherflattert,
Und auch nicht jener Schüler des Seilflechtens:
Vergiss die Geschichte von ihm unterwegs nicht!
1172
Ermüde deinen Geist nicht auf den Pfaden der Weisheit
Und zürne keinem arglosen Weggefährten.
Willst du, dass die Menschen sich in dich verlieben, dann bemühe dich:
Verliebe dich in die Menschen (aber verliebe dich nicht in dich selbst!).
1173
Glückselig, wer sich nicht von menschlichem Gerede gefangen nehmen ließ,
Sich nicht selbst für Seide und Brokat verkaufte,
Wie der Simurgh über diese und jene Welt emporschwebte,
Und nicht als blinde Eule in Ruinen sitzen blieb.
1174
Perlensucher, entscheide dich für den schwierigen Weg,
Wage selbst in die Tiefe zur Perle hinabzutauchen.
Mag der Freund am Seil sein, das Leben in seiner Hand …
Fürchte den Abgrund nicht, wage den Schritt hinab.
1175
Erschaffe die Welt so, wie du sie siehst,
Erhebe dich in lebendiger Bewegung über den Tod.
Du sagst: „Wenn ich doch nur selbst die Hand bewegen könnte …“
Nein, du wirst es nicht wagen; wenn doch, dann tu es!
1176
Den Weinverehrern – Morgenröten und Blumen.
Schätze liegen in den Herzen, die Geldbörsen sind leer.
Vor Unwissenheit retten uns nicht Kenntnisse,
Sondern das Erkennen der allumfassenden Schönheit.
1177
Das Ziel des Lebens liegt in der Freude. Man darf nicht im Unglück leben,
Ohne geheime Wärme darf man nicht unter schlechtem Wetter leben.
Damit du morgen nicht quälst, was dir fehlen wird,
Schneide es heute ab! Lerne, in Freiheit zu leben.
1178
Beschwöre kein Unheil herauf, indem du dein Herz erzittern lässt,
Vergiss die Sorgen, und die Welt wird gut.
Lade Freunde ein, die letzte Münze zu vertrinken,
Die du ohnehin nicht in die andere Welt mitnehmen kannst.
1179
Drücke niemanden mit deiner mächtigen Hand nieder,
Verbrühe niemanden mit brennender Kränkung!
Wenn du dich nach ewigem Frieden verzehrst –
Quäle niemanden, während du selbst Qualen erduldest.
1180
Wer weise Schriftzeichen in sein Herz eingraviert,
Wird jeden Augenblick voll und ganz nutzen:
Entweder eifrig nach Gottes Gnade zu streben,
Oder über dem Weinkelch Frieden zu finden.
1181
Unterwirf die Elemente wenigstens für einen kurzen Atemzug
Und überrasche das Schicksal mit der Freude deiner Seele.
Mache dich mit der Weisheit vertraut, obwohl wir im Grunde
Ein Staubkorn, ein Funke, ein Tropfen Blut und ein Atemzug sind.
1182
Wer das rastlose Treiben verachtete und ganz ruhig lebte,
Der Natur folgte und nach ihrem Gesetz lebte,
Es als Glück betrachtete, dass ihm zu leben vergönnt war,
Ruhig Wein trank … Dieser lebte wahrhaft würdig.
1182
Wer das rastlose Treiben verachtete und ganz ruhig lebte,
Der Natur folgte und nach ihrem Gesetz lebte,
Es als Glück betrachtete, dass ihm zu leben vergönnt war,
Ruhig Wein trank … Dieser lebte wahrhaft würdig.
1183
Die Menge gleicht in ihren Urteilen allen Winden.
Schenke deinem Herzen Freude, errichte ihr einen Tempel,
Lass sie nicht erkalten, indem du Schwätzern glaubst!..
Die Welt erinnert sich an jene, die uns ähnlich waren.
1184
Wir sind ein Sonnenkeim – schwarze Quellen in den Wurzeln;
Zur Freiheit geboren – zur Unterdrückung verurteilt;
Dunkel – erleuchtet; kraftvoll – erschöpft;
Sowohl Rost auf dem Spiegel als auch Dschams Kelch – wir.
1185
Wir sind die uralte Weisheit, vom Universum genährt,
Und selbst zu seinem schäumenden Sauerteig geworden.
Wir sind das Gerüst des Seins und seine Teilchen tragende Festigkeit.
Das Universum ist nur ein Schatten, wir sind sein unvergänglicher Geist.
1186
Aus meinem Fleisch ist das Fleisch der Welt, der Erdkreis.
Doch das Herz ist die Wohnstatt des Geistes, die andere Welt.
Elemente, Himmel, Tiere, Pflanzen –
Im Dunkel die Widerspiegelungen eines Feuers vor mir.
1187
Die gesamte Schöpfung ist Fleisch; die Seele des Universums sind wir;
Sein Wesen und seine sichtbare Gestalt verbinden – das tun wir.
Nur uns ist es möglich, sie zu erkennen; das bedeutet:
Das Zentrum beider Welten – einzig und unvergänglich – sind wir.
1188
Das Ziel des Seins und der Schöpfung zu sein – das ist uns bestimmt,
Der allsehende Geist, der Strahl der Erkenntnis – das ist uns bestimmt.
Verstehe, Mensch, dass der Kreis des Universums ein Ring ist,
In dem wir mit einer diamantgleichen Facette funkeln sollen!
Omar Chayyam, Rubai